Autor: Von André Kunz, Tokio Sptember 2000 Zürcher Tages Anzeiger

Wie der Wal
auf den Teller kommt


Walfleisch ist in Japan eine Delikatesse. Ein fünfgängiges Menü
kostet in Tokio rund 200 Franken.


Kein ausländischer Journalist kann es sich derzeit in Tokio leisten, das
"Kujiraya" links liegen zu lassen, das politisch unkorrekteste
Restaurant Japans. Dort, in der "Gaststätte zum Wal", werden nämlich
ausnahmslos Spezialitäten des Meeressäugers angeboten. Die
Delikatesse des Hauses ist das Ono-mi, der fette Teil unmittelbar vor
dem Wal-Schwanz, geschnitten in feine Scheiben, kurz frittiert, mit
Ingwersauce und Soja angerichtet. Das erklärt Geschäftsführer
Kiyohiko Tanahashi, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Auf die
Bitte, die Speisekarte kopieren zu dürfen, sagt er schnippisch: "Dürft
wohl nicht mitessen, weils politisch unkorrekt wäre für einen
Europäer?"

Jagd auf bedrohte Grosswale

Das "Kujiraya" und viele andere Tokioter Restaurants, die
Wal-Spezialitäten anbieten, sind Abend für Abend bis zum letzten Platz
ausgebucht. Derweil protestieren Umweltschützer in Europa vor den
japanischen Botschaften und verlangen den Stopp des japanischen
Walfangs für wissenschaftliche Zwecke. Die japanische Regierung und
die kleine Walfangflotte haben den Zorn der Umweltverbände auf sich
gezogen, weil sie erstmals seit zehn Jahren nicht mehr nur Zwergwale,
sondern auch Pott- und Brydewale jagen. Zwei Arten von Grosswalen
also, die als bedroht gelten.

Die Entscheidung der japanischen Regierung, dieses Jahr die Jagd auf
Grosswale wieder zu eröffnen, hat selbst Washington derart in Rage
gebracht, dass US-Delegierte vergangene Woche eine
Umweltkonferenz in Kyushu boykottiert und mit Handelssanktionen
gedroht haben. Die internationalen Proteste versteht in Tokio niemand:
Denn mit der Jagd auf die Grosswale zu Forschungszwecken verletzt
Japan das internationale Walfangabkommen dem Buchstaben nach
nicht. Joji Morishita von der Fischereibehörde in Tokio argumentiert,
dass sich jedes Jahr 100 000 Pott- und 22 000 Brydewale den
japanischen Fischgründen näherten und ihr Einfluss auf die dortigen
Fischbestände untersucht werden müsse. Die "Fressgewohnheiten" der
Grosswale drohten die Existenz einheimischer Fischer zu gefährden:
Ein Pottwal verschlingt laut Morishita nämlich 20-mal mehr als ein
Zwergwal.

Greenpeace Japan hingegen ist der Meinung, dass der Walfang für
Forschungszwecke nur ein Vorwand ist, um die überkommenen
"Essgewohnheiten" der Japaner zu befriedigen. Die Regierung und die
japanische Walfangvereinigung werden nicht müde zu beteuern, dass
Walfleisch seit Jahrhunderten zur japanischen Küche gehöre. Ein Blick
in die kulinarische Geschichte des Landes zeigt aber, dass Walfleisch
bis in die Mitte dieses Jahrhunderts nur in einigen abgelegenen
Fischerdörfern mit Walfangtradition gegessen wurde. Erst nach dem
Zweiten Weltkrieg riet die Regierung der verarmten Bevölkerung,
Walfleisch zu verzehren, um ihren Proteinbedarf zu decken. In den
50er- und 60er-Jahren gehörte Wal zur Verpflegung in den öffentlichen
Schulen, und so verzehrten die Japaner im Rekordjahr 1962 mehr als
220 000 Tonnen Walfleisch.

Ein lukratives Geschäft

Was vor 40 Jahren jedes japanische Kind zwangsläufig vorgesetzt
bekam, ist seit dem Walfangmoratorium von 1986 zu einer raren
Delikatesse geworden. Inzwischen werden pro Jahr noch zwei- bis
dreitausend Tonnen Walfleisch verzehrt. Dafür jagt die japanische
Walfangflotte jährlich rund 400 Zwergwale und nimmt etwa 65
Millionen Franken mit dem Verkauf des Fleisches und der
Nebenprodukte für die Kosmetikindustrie ein. Derweil blättern im voll
besetzten "Kujiraya" die Gäste gut und gerne 200 Franken für ein
fünfgängiges Menü auf den Tisch und verlassen das Lokal in der
festen Überzeugung, eines der traditionellsten japanischen Gerichte
überhaupt gegessen zu haben.

BILD ERIKO SUGITA/REUTERS

Für Wal-Delikatessen wirbt japanische Prominenz im Namen der
nationalen Walfangvereinigung.

Kleines japanisches Walmenü

Tokio. - Walfleisch essen die Japaner vorzugsweise frittiert oder roh,
in feine Scheiben geschnitten. Nur in Walfangdörfern und
Spezialitätenrestaurants wie dem "Kujiraya" in Tokio wird eine ganze
Palette von Gerichten angeboten. Das Menü umfasst:

Walfett frittiert mit Sojasauce und

Walblut / Gepökeltes Walfleisch mit Zwiebeln / Walmagen gekocht,
geschnitten und garniert mit Gemüse / Walfleisch-Häppchen am Spiess
(mit Salz oder Sojasauce) / Schwanzflossen-Suppe mit Ingwer /
Sashimi vom Schwanzteil/ Walfischsteak mit würziger Sauce /
Walfischzunge gebraten

In manchen Fischerdörfern werden auch die Lunge und das Herz
gegessen, meist gesotten und fein geschnitten mit Gemüse angerichtet.

(aku)

Leserbrief zum obenstehenden Artikel

Im Artikel über den Walfleischkonsum in Japan wurde mit keinem Wort das Gesunheitsrisiko des Walfleisch konsums erwähnt. Walfleisch ist bekanntlich stark mit Schadstoffen - insbesondere Quecksilber, PCBs, DDT, und Dioxinen - belastet . Dies zeigten die Ergebnisse der Untersuchungen von 1999 und 2000 von auf dem japanischen Markt erhältlichen Walfleischproben. Die Quecksilberwerte überschritten bei einzelnen Proben die zugelassene Grenzwerte um das bis zu 1600 fache! Die höchsten nachgewiesenen Konzentrationen weisen beim Konsum einer Hauptmahlzeit einen 172- mal höheren Wert auf als von den japanischen Behörden empfohlen.

Diese Ergebnisse haben im vergagenen Jahr japanische Wissenschaftler und Konsumentenschutzorganisationen auf den Paln gerufen, um auf die Besorgnis erregende Situation aufmerksam zu machen. Doch die japanische Regierung fördert den Konsum von Walfleisch wider besseres wissen und setzt die Bevölkerung damit unverantwortlichen Gefahren aus. In diesem Sinne " en Guete" beim politisch unkorrekten Walfleischkonsum. Bleibt zu hoffen, dass den Japanern das Walfleisch nicht im Hals stecken bleibt, da sonst ein neues sogenannt wissenschaftlichen Walfangprogramm auf den Plan gerufen wird.

Sigrid Lüber Wädenswil

Bleibt nicht viel zu sagen, ausser: Fuck them und www.seashepherds.org (die Beschützer der Wale) zu besuchen für aktuelle Info oder Unterstützung.

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