Der Tages-Anzeiger am 22.05.2002
------------------------------------------------------------------------

Walfleisch kann krank machen
Quecksilber, Dioxin und andere Gifte reichern sich im Walfleisch stark an. Das belegen alarmierende Studien aus Japan und Europa.

Von Hans Peter Roth

Die Walfangländer machen mobil - wie immer an der Internationalen Walfangkonferenz (IWC). Derzeit wird in Tokio gestritten. Joji Morishita etwa, der stellvertretende Direktor der japanischen Fischereiverwaltung, wirft den Walfanggegnern «Kulturimperialismus» vor. Norwegen, die Färöer und Grönland wollen sich nicht vorschreiben lassen, was sie essen sollen. Wie können Menschen den Walfang verurteilen, die selbst Fleisch von Tieren aus unwürdiger Haltung essen, fragen die Jäger. Dies sei kein Argument für die Jagd auf Meeressäuger, sondern eines für einen bewussteren Umgang mit Nutztieren, antworten die Walschützer.

Doch abgesehen von der ethischen Frage, ob der Mensch die Wale mit Sprengharpunen töten darf oder nicht, geben neue Untersuchungen zu denken: Walfleisch essen kann krank machen. Proben zeigen: Walfleisch enthält oft Schadstoffe, welche die Grenzwerteum ein Mehrfaches übersteigen. 16 Tonnen Walfleisch lagern deshalb zurzeit gesperrt in japanischen Tiefkühlhäusern. Das Fleisch stammt von fünf Pottwalen. Es darf nicht an Restaurants und Lebensmittelläden verkauft werden. Die Quecksilberkonzentrationen überschreiten die Grenzwerte um mehr als das Dreifache. Dies ergaben Untersuchungen des japanischen Gesundheitsministeriums.

Warnung an Fussballer

Im Auftrag der unabhängigen japanischen Konsumentenorganisation Safety First untersuchten Wissenschafter 130 Proben von Produkten, die auf dem japanischen Markt frei erhältlich und als Walfleisch «für den menschlichen Verzehr» deklariert sind. Die Ergebnisse sind im Vergleich mit dem erwähnten, beanstandeten Pottwalfleisch geradezu harmlos. Die Quecksilberwerte einzelner Proben überschreiten zugelassene Grenzwerte bis um das 1600fache. Im Fettgewebe massen die Forscher Dioxin- und PCB-Mengen, die bis zu 170-mal über den als unbedenklich empfohlenen Werten liegen.

Die internationale Organisation «Whale and Dolphin Conservation Society» warnt deshalb Fussballspieler vor dem Genuss von Walfleisch während der Fussball-WM in Japan. Die Proben bestätigen zudem Vorwürfe von Walschützern, das japanische Fischereiministerium setze den Schutz bedrohter Walarten nicht durch. Die Untersuchung wies Fleisch von geschützten Blau- und Buckelwalen nach, die offiziell auch die japanische Walfangflotte verschont, aber auch Delfinfleisch, das nicht als «Wal» deklariert werden darf.

«Wider besseren Wissens fördert die japanische Regierung den Konsum von Walfleisch und setzt die Bevölkerung damit unverantwortlichen gesundheitlichen Risiken aus», sagt Sigrid Lüber, Präsidentin der Schweizer Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger (ASMS). Die Ergebnisse zeigten gleichzeitig, dass Wale zunehmend unter der Verschmutzung der Meere litten. Selbst in der Antarktis gefangene Zwergwale wiesen, «entgegen den Behauptungen der japanischen Walfang-Lobby», erhöhte Schadstoffwerte auf. «Die Gifte gefährden möglicherweise langfristig den Fortbestand der Waltiere», sagt Lüber. Die Meeressäuger stehen - abgesehen vom Menschen - am Ende der Nahrungskette. Deshalb können sich in deren Fleisch Schadstoffe stark anreichern. Noch schlimmer als im Pazifik ist die Belastung im Nordatlantik, wo vor allem Norwegen und die zu Dänemark gehörenden Färöer das Walfangmoratorium und andere Abkommen ignorieren. Färinger Kinder, deren Mütter Walfleisch essen, leiden gemäss einer Studie des dänischen Gesundheitsministeriums häufiger an geistigen und körperlichen Störungen. Die Konzentrationen von PCB, DDT und Quecksilber im nordatlantischen Walfleisch sind noch höher als in den japanischen Proben. Diese Schadstoffbelastung stellt nun auch die geplante Ausfuhr norwegischen Walfleischs nach Japan in Frage. Seit 1997 sind die Gesundheitsrisiken des Walfleischkonsums nun ständiges Traktandum an der IWC-Konferenz.

«Whale Burger»

Nachdem die Besorgnis erregenden Erkenntnisse Wissenschafter und Konsumentenschützer von Grönland bis nach Japan auf den Plan gerufen haben, droht den Protagonisten für den Walfleischverzehr zusätzliches Ungemach: Laut «Asahi Shimbun», einer der bedeutendsten japanischen Zeitungen, mögen immer weniger Japaner Wal essen. Das Fleisch sei teuer und unter den jüngeren Generationen - aus welchen Gründen auch immer - schlicht nicht mehr «in» (TA vom 26. 4.). Doch die Walfanglobby gibt sich nicht geschlagen. Nun soll ein neues Produkt auch jungen Menschen das Walfleisch schmackhaft machen: Der «Whale Burger». Das klingt nicht besonders japanisch. Nun kommt eine Prise westlicher «Kulturimperialismus» gerade recht.